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Rudolf Urech-Seon - A Foreign Visitor

Von 1913–1916 besuchte Rudolf Urech-Seon die Akademie der Bildenden Künste in München und unternahm Studienreisen nach Deutschland, Österreich und Italien. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit postimpressionistischen Ausdrucksweisen, begann Urech-Seon in den 30er Jahren anhand des Villard’schen Teilungskanons seinen Bildern ein sorgfältig berechnetes, geometrisches Linienkonstrukt zu unterlegen. Die erdigen Farbtöne dieser frühen Abstraktionen sind womöglich auf seinen damals noch starken Bezug zur Landschaft zurückzuführen. Später entwickelte Urech-Seon ein eigenes Farbvokabular, das nur aus wenigen, klaren Farben besteht, die im Gegensatz zu den erdigen Tönen unnatürlich wirken – als wären sie fiktiv und nicht von dieser Welt. Blau, Rot, Gelb, Lila und Türkis wurden zum Wiedererkennungszeichen des Künstlers.

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Rudolf Urech-Seon

Während des Zweiten Weltkrieges war Urech-Seon einer der wenigen Künstler in der Schweiz, der das Weltgeschehen in seine Arbeiten einfliessen liess. So schuf er um 1940 vermehrt Werke, die eine surrealistische, organische Formensprache aufweisen und die mit teilweise klar bezeichnenden Titeln, wie Der Anschluss (1938), Dämonen (1942) oder Schwere Auseinandersetzung (1945), seine Kritik an den Kriegsgeschehnissen deutlich machen.

1947 trat Rudolf Urech-Seon der Künstlergruppe Allianz bei, der u.a. auch Max Bill, Sophie Taeuber-Arp oder Richard Paul Lohse angehörten. In den Folgejahren war er an drei Ausstellungen der Allianz – 1947 im Kunstverein St. Gallen, 1947 im Kunsthaus Zürich und 1954 im Helmhaus Zürich – vertreten und nahm 1948 und 1950 an den Salons des Réalités Nouvelles in Paris teil. In den 50er Jahren schuf Urech-Seon in stiller Zurückgezogenheit sein Alterswerk, das von einer reduzierten Formensprache, feinen Linien sowie klar definierten Flächen gekennzeichnet ist. Noch bis wenige Monate vor seinem Tod im Juli 1959 malte er unablässig neue Kompositionen und hinterliess ein umfangreiches Gesamtwerk. Posthum wurden ihm im Aargauer Kunsthaus 1976 und 1991 Einzelausstellungen gewidmet und 1981 war er mit mehreren Werken an der bedeutenden Ausstellung Dreissiger Jahre Schweiz. Konstruktive Kunst 1915–45 im Kunstmuseum Winterthur vertreten. Anschliessend blieb über Jahrzehnte hinweg sein Œuvre im Familiennachlass weitgehend vor der Öffentlichkeit verborgen.

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Rudolf Urech-Seon - Fremder Gast

Eine mysteriöse Figur mit einem violetten Umhang tritt uns in dem Werk Fremder Gast (1949) entgegen. Eine absolute Symmetrie durchdringt das Bild, selbst das Monogramm und die Datierung setzte Urech-Seon stimmig links und rechts in die unteren Bildecken. Der überdimensionierte, azurblaue Kopf bestehend aus einem Zehneck weist mit zwei feinen, gebogenen Linien abstrahierte, anonyme Gesichtszüge auf. Kopf und Füsse berühren den Bildrand, wodurch die Präsenz dieses ausserirdisch anmutenden Wesens im Bild verstärkt wird. Leuchtendes Gelb und Rot bilden einen starken Kontrast zu den kalten Blau- und Lilatönen und betonen den Unterkörper dieser surrealistischen Fantasiefigur. Eine rote, ovale Form im unteren Zentrum erinnert an ein stilisiertes weibliches Geschlecht – dieser fremde Gast scheint somit femininer Art zu sein. Doch sorgt dieses mutmassliche Fruchtbarkeitssymbol nicht für Klarheit darüber, wer oder was dieser fremde Gast sein könnte. Ist es eine Figur aus einem Science Fiction Film? Vielleicht ein Roboter, ein humanoides Mischwesen, oder eine Ausserirdische? Das Werk Fremder Gast regt die Fantasie des Betrachtenden an und entführt in die aussergewöhnliche Traumwelt des Künstlers.

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Rudolf Urech-Seon - Studie zu "Wald kubistisch", 1931

Rudolf Urech-Seon - Studie zu "Wald kubistisch", 1931

Studie zu "Wald kubistisch" (1931) verdeutlicht Rudol Urech-Seons experimentellen Umgang mit kubistischen Formen und zeigt exemplarisch seinen Übergang von der klassischen Landschaftsmalerei hin zur Abstraktion.
Dicke Pinselstriche geben die Landschaft in einer vereinfachten, beinahe ornamentalen Form wieder. Der Horizont wird mit einem Bogen nachgezogen, die abgerundeten, verzogenen Quadrate im Vordergrund deuten Felder an. An der Horizontlinie entlang sind zackige Formen aufgereiht, die an Tannen erinnern. Diese formale Struktur wird im linken Bereich weitergeführt, wodurch ein Wald entsteht. Zwei dunkle, spitzzulaufende Flächen ragen hinter den Bäumen hoch, wodurch möglicherweise Berge in der Ferne dargestellt werden. Der Himmel ist in viele kubistische Flächen unterteilt, die unterschiedlich stark aquarelliert sind.
Obwohl Urech-Seon die Landschaft weitgehend abstrahiert, sind immer noch Elemente erkenn- und interpretierbar. Mit einer vorwiegend linearen Malerei und der Tuschetechnik gelingt dem Künstler in dieser Arbeit eine experimentelle Auseinandersetzung mit Form, Linie und Fläche.

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Rudolf Urech-Seon
Seon, 1876 — 1959

Von der Münchner Schule und Hodler geprägt beginnt Rudolf Urech-Seon (*18.2.1876 Seon - 23.7.1959 Seon) während seiner künstlerischen Ausbildung an der Münchner Kunstakademie (1913–1916) als naturalistischer Landschaftsmaler. Schon bald aber entwickelt er Kompositionen, in denen er sich auf die konstruktiven Elemente der Bildgegenstände wie Linie, Fläche und Rhythmus konzentriert bis hin zur Abstraktion mit geometrischen und rund schwingenden Formen in intensiven Farben. Urech-Seon wird damit zum ersten und lange einzigen abstrakten Maler im Kanton Aargau. Mangels Gleichgesinnten in der regionalen Künstlerschaft orientiert sich Urech-Seon an den Ausstellungen der Avantgarde in Zürich und Basel (1932 Picasso, 1933 Braque, 1938 Le Corbusier) und findet dort die Bestätigung für seinen eigenen künstlerischen Weg.