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18.09. - 06.11.2021

Maya Bringolf - Light Up

18.09. - 06.11.2021
Rämistrasse 3, Zürich

Ihre Teppiche sind gelocht, und versengt erscheint die Kunstfaser industriell gefertigter Bettvorleger. Wie eine Salve von Einschusslöchern metastasieren neue Muster durch Gewebe und Ornament. Doch der erste Schein trügt: Maya Bringolf (*1969 in Schaffhausen, lebt und arbeitet in Zürich) hat die Perforation nicht eingebrannt ins wohnliche Accessoire. Die runden Öffnungen schneidet sie aus und bepinselt die verletzte Textur sorgfältig mit Epoxy-Harz zur Festigung. Schwarzer Acrylspray simuliert Rauchspuren. Eine toxische Materialität dringt so ins Kunsthandwerk, frisst sich durch den Boden bürgerlicher Wohnkultur. Und während wir in der Verletzung noch ein Sakrileg erkennen, gewinnen die Objekte ihre andere, unheimliche Opulenz. Was vor Wochen noch abgeschoben im Brockenhaus lag oder gestapelt im Versandgrosshandel, ist jetzt hinterleuchtet vom Weiss der Wand. Pechschwarz oder silbern geben Lichthöfe jedem Ausbruch eine dunkle Aura mit oder einen immateriellen Schein. «Irgendwo ist der Ursprung der Teppiche da, und die Globalisierung hat sie dennoch längst mitgenommen.» So fasst die Künstlerin die Ambivalenz zusammen, die ihrem Rohstoff eingeschrieben ist. In der kritischen Auseinandersetzung mit dem Zerfall kultureller und materieller Werte gibt Maya Bringolf dem Teppich eine Spur der Vernichtung mit.

Ausstellungsansicht

Seit Jahren schon streift Maya Bringolfs künstlerisches ‹Upcycling› eine Anmutung des Dekadenten, balanciert entlang einer Ästhetik abgründiger Veredelung. Es ist, als wäre die Endzeit des Domestizierten angebrochen, als wollten unsere Komfortzonen ihr heimlich angestautes Gift entladen. Vor synthetischen Materialien schreckt die Künstlerin nicht zurück, auch wenn oder gerade weil sie im Zuge von Umweltverschmutzung und knapp gewordenen Ressourcen unter Verruf geraten sind. Das Nervenfieber, das unser Konsumgebaren erfasst hat, ist nicht darstellbar ausserhalb realer Materialkreisläufe und ihren unkontrollierten Emissionen.

Dem hohen Produktivitätsdruck, dem wir als Leistungsgesellschaft ausgesetzt sind, entgegnete Maya Bringolf immer wieder eine Zirkulation von Luft. Sie isolierte Rohrsysteme aus ihrem funktionalen Zusammenhang, rückte den Luftkanal aus der Randerscheinung von Grossraum und Lagerhallen in die Mitte ihrer skulpturalen Anverwandlung. Inzwischen haben Rohre auch den Bürostuhl angegriffen. Woher kommt die Luft und wohin wird sie abgeführt? Bringen konzentrierte Winde eine überhitzte Geschäftigkeit zum Stillstand? Den Ruf nach regelmässiger Belüftung ist in einen Leerlauf umgeschlagen, der Sitz auf Rollen wird umklammert und in Beschlag genommen. Etwas unversöhnlich Kriegerisches umspielt das Standard-Accessoire moderner Büro-Einrichtungen. Abgefackelt, züngelt uns aus der Gegenständlichkeit ‹Made in China› ein Burn-Out entgegen, an dem inzwischen der ganze Globus zu erkranken scheint.

Ausstellungsansicht
Maya Bringolf - Fusing Light, 2021 (Detail)

Maya Bringolf - Fusing Light, 2021 (Detail)

Maya Bringolf - Fusing Light, 2021 (Detail)

Kaum eine Kunst nimmt vorweg, an welchen Bildern sie unsere Assoziationen einst entzünden wird. Brandkatastrophen in der Türkei oder Griechenland nähren nach diesem Sommer den Blick auf versengtes Mobiliar. Die Covid-Pandemie hat die stete Luftzufuhr in Innenräumen von Schulen und Unternehmen zum Appell werden lassen. Die Not von Flüchtlingen konfrontiert uns mit dem Strandgut unfreiwilliger Reisebewegungen. So verschmelzen Maya Bringolfs hingeworfene Trenchcoats heute nicht zufällig mit Bildern migrantischen Elends. Die Mantelhaut trägt den Wegwerf-Gestus in sich – als nicht überlebenswichtig, bleibt der ‹Burberry› liegen und exponiert sich gleichzeitig mit dem Drang nach Haltbarkeit und Eleganz. Die Versiegelung mit Epoxy-Harz und Autolack schweisst Clochard und Polizeikommissare, Abfall und Karosserie aneinander. Die Ware, in der wir hausen, hat Kontinente durchquert, schaut uns aus Familienalben entgegen, ruft Filmgeschichte auf. Im unaufhaltbaren Kreislauf drohen Dinge zu ersticken. In Maya Bringolfs Kunst hallt das Echo unserer Körper nach.

Isabel Zürcher

Ausstellungsansicht
Zum Künstler
Maya Bringolf
Schaffhausen, 1969

Maya Bringolf (*1969, Schaffhausen) lebt und arbeitet in Zürich. Von 1992 bis 2000 studierte sie an der Hochschule für Gestaltung in Zürich und an der Akademie der Bildenden Künste München bei Gerhard Berger und Ben Willikens. 
In ihren exzentrischen Materialassemblagen aus «objets trouvés» beschäftigt sie sich mit Kreisläufen, wie etwa der Zirkulation von Rohstoffen, von Luft oder der Wiederverwendung von Einrichtungsgegenständen. Möbel, die einst den bürgerlichen Wohlstand verkörperten und heute in Brockenhäusern zu finden sind, entzieht sie dem Wiederverwertungskreislauf, um sie in dystopisch-skurrile Objekte zu transformieren. Mit verbrannten und von Lüftungsrohren durchbohrten Bürostühlen oder durchlöcherten Teppichen reflektiert sie gesellschaftliche Strukturen und Verhaltensmuster. Destruktion und Wandel sind omnipräsente Themen, die den Arbeitsprozess von Bringolf massgeblich beeinflussen und formen. Mit ihrer Methodik stellt sie Fragen nach Schönheit und Vergänglichkeit, Volumen und Körperlichkeit, Transformation und Neubeginn. Dabei entwickelt sie die Skulpturen in einem experimentellen Wechselspiel aus Aktion und Reaktion und verwendet hierzu die unterschiedlichsten Materialien und Objekte aus Alltag und Baumarkt, wie etwa Polyurethanschaum, Epoxy-Harz, Textilien oder Autolack.