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Hinter dem Sichtbaren - Von der Romantik zum Symbolismus in der Schweiz

Vom mystischen Naturerlebnis zum universalen und religiösen Kunst- und Weltverständnis: in der online Ausstellung „Hinter dem Sichtbaren“, die auf der gleichnamigen Ausstellung in unseren Galerieräumen zwischen dem 11.10.2019 und dem 24.01.2020 basiert, zeigen wir Ihnen eine Reihe Schweizer Künstlerinnen und Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich zwischen Romantik und Symbolismus bewegen. 

Galerie Bromer
Hinter dem Sichtbaren
François Diday - Pont du Diable, o.J.

François Diday - Pont du Diable, o.J.

Während die Romantik in der Schweiz als eine künstlerische Bewegung gilt, ist der Begriff des Symbolismus weitaus schwieriger zu erfassen. Dieser beschreibt keine einheitliche Stilrichtung, sondern vielmehr eine künstlerische und geistige Haltung. Seine Vertreter brachen mit dem Verständnis, das Sichtbare in ihren Darstellungen festhalten zu wollen und interessierten sich vielmehr für das Unsichtbare – das Geistige. Dies erreichten sie durch die sinnbildliche Darstellung von rätselhaften und phantastischen Traumwelten, die oft menschliche Grunderfahrungen wie Erotik und Tod thematisierten. Die Verbindung zwischen Romantik und Symbolismus liegt im romantischen Spiritualismus, dem naturphilosophischen Einheitsverständnis und in ihrem gemeinsamen Bestreben, über das Sichtbare hinaus zu verweisen.

Mit Werken von Alexandre Calame, Ferdinand Hodler, Giovanni Giacometti, Stéphanie Guerzoni, Hans Bachmann oder Clara Porges werden hier verschiedene künstlerische Positionen zwischen 1840 und 1925 gezeigt, deren Spannungsfeld und künstlerisches Spektrum zwischen Romantik und Symbolismus liegen. Die figurativen Malereien, deren Darstellungen mit symbolhafter Bedeutung aufgeladen und mit einer stark individualistischen Kunst- und Weltauffassung verknüpft sind verbindet eine Gemeinsamkeit: die Ablösung von der Mimesis und die Entwicklung von der reinen Abbildung zum autonomen Bild.

Alexandre Calame - Gebirgsbach bei Handeck, o.J.

Alexandre Calame - Gebirgsbach bei Handeck, o.J.

Alexandre Calame - Gebirgsbach bei Handeck, o.J.

Ideen und Symbole

Die Romantik wird gemeinhin als Gegenbewegung zur Aufklärung gesehen. Ihre Vertreter befassten sich nicht mit den logisch-rationalen Naturwissenschaften sondern mit dem Unfassbaren, dessen Existenz sie nur erahnen konnten. In ihrer Welt- und Kunstauffassung bekam das Unsichtbare einen zentralen Platz. Besonders in den Landschaftsdarstellungen wurden Ideen über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ausgearbeitet sowie individuell erfahrbare Konzepte wie Sehnsucht und Unendlichkeit visuell ausgedrückt. In den Werken der Symbolisten wird das Sichtbare und Unsichtbare ähnlich verhandelt: Nicht nur religiöse, mythologische und spirituelle Themen werden als alternative Erklärungsmodelle in ihren Motiven aufgegriffen, sondern auch innere Gefühls- und Ideenwelten verarbeitet.
Die Künstler des Symbolismus orientierten sich an den Ideen der Naturphilosophie, die entgegen der Wissenschaft keine Trennung zwischen den naturwissenschaftlichen Disziplinen vornahmen, sondern an die universelle Einheit glaubten. Dieses naturphilosophische Verständnis ihrer Umwelt übersetzten sie, genau wie die Künstler der Romantik vor ihnen, in das Konzept des Gesamtkunstwerks: Eine harmonische Verschmelzung verschiedener Künste, die den Betrachter über verschiedene Sinne gleichzeitig berühren.
Sowohl die Künstler der Romantik wie auch des Symbolismus setzten sich mit Welten jenseits des Sichtbaren auseinander. Ihre phantastischen Darstellungen, welche den Betrachter oft zuerst auf einer emotionalen statt einer intellektuellen Ebene ansprechen, üben noch immer eine geheimnisvolle Faszination aus.

Clara Porges - I Cavalieri dell'apocalisse, o.J.

Clara Porges - I Cavalieri dell'apocalisse, o.J.

Der Mensch und das Erhabene

Das geistige Erbe der Romantik an die Symbolisten lässt sich am besten anhand ihres gemeinsamen Naturverständnisses veranschaulichen. In zahlreichen Landschaftsdarstellungen stand besonders das Verhältnis des Menschen zur Natur im Fokus ihres Interesses: Während der Mensch gemäss der Auffassung des romantischen Zeitgeistes klein und ehrfürchtig das Naturspektakel erlebte, rückte er bei den Symbolisten immer mehr ins Zentrum der Leinwand und wurde zum Hauptmotiv erhoben. Dabei scheint das Interesse demselben zu gelten: Der Einheit von Mensch und Natur, der Übersetzung von Empfindungen in allegorische Symbole ebenso wie dem Motiv als Bedeutungsträger.
In den Naturgewalten und den Gipfeln der Alpen sahen Calame und Diday das Erhabene und das Eindrückliche und setzten dies in ihren Darstellungen mit nahezu religiösen Erfahrungen gleich. Dieses schwärmerische Interesse an der imposanten und teilweise furchteinflössenden Natur manifestiert sich in ihren dramatischen Landschaftsbildern. Die Schweizer Symbolisten hingegen teilten ein für ihre Zeit typisches Natur- und Kunstverständnis, welches man als esoterisch, naturphilosophisch oder theosophisch beschreiben kann. Im Zentrum standen dabei die individuelle mystische Erfahrung und der Glaube an eine einheitliche Wahrheit, die sich hinter der sichtbaren Realität und der Naturwissenschaft versteckt. Während Giacomettis Pizzo Bacone beinahe wie ein vermenschlichtes Porträt eines Berges anmutet, geht Clara Porges so weit, die Grenzen zwischen Natur und religiöser Erfahrung gänzlich zu verwischen: In I Cavalieri dell‘Apocalisse löst sich das Gebirge in drei Apokalyptische Reiter auf.

Hans Bachmann - Vision, 1903

Hans Bachmann - Vision, 1903

Licht und Erleuchtung

In Calames Torrent de montagne par orage scheinen der reissende Fluss und das tobende Gewitter Träger von menschlichen Emotionen zu sein. Macht, Gewalt und Angst spiegeln sich in der bedrohlichen Wetterlage wider, während die Sonnenstrahlen im Hintergrund die furchteinflössende Stimmung der Szene wieder auflösen.
Auch in Hans Bachmanns Vision nimmt das Licht eine zentrale Bedeutung ein. Die sich zuvor geisselnde Nonne wird von Jesu Christi Heiligenschein beschienen. Der Priester verharrt im Schatten dahinter. In beiden Gemälden treffen eine sichtbare Wirklichkeit und eine geistige Ideenwelt aufeinander, wobei das Licht als Träger einer Vision oder einer Emotion eingesetzt wird.
Im 19. Jahrhundert rückte die Erfindung der Fotografie durch ihre vermeintlich objektive Abbildung der Wirklichkeit das individuelle und subjektive Sehen ins Zentrum der Kunst. Im 20. Jahrhundert hingegen stand der philosophische Diskurs über Wahrnehmung und Wirklichkeit im Fokus. Sowohl die Romantiker wie auch später die Symbolisten reagierten in ihrer Kunst auf diese zeitgeistigen Veränderungen des Verständnisses von Realität und Wahrnehmung.