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Cuno Amiet - Das Gleichgeartete ist meinem Wesen fremd

„Mein Wesen ist der Gegensatz. Das Gleichgeartete ist meinem Wesen fremd.“

Mit dieser Selbsterkenntnis beschreibt Cuno Amiet mit Worten das, was in seinem Oeuvre unbestreitbar deutlich zum Ausdruck kommt und seinem Schaffen immanent ist – der innerste Drang nach Variation.

Cuno Amiet - Stillleben mit Fayence und Äpfeln, 1893

Cuno Amiet - Stillleben mit Fayence und Äpfeln, 1893

Cuno Peter Amiet (1868 – 1961) hinterliess ein beinahe acht Jahrzehnte umfassendes Oeuvre, das in vielerlei Hinsicht als Kaleidoskop der Stile und Themen bezeichnet werden kann. Das Streben nach Einheit und Harmonie im Bild führte ihn fort von der Idee, die Natur imitieren zu wollen. Die Komposition des Motives sollte durch Farbe und Linien ein einheitliches Ganzes ergeben und hierbei den ersten ‚gefühlsmässigen‘ Eindruck einer Szenerie auf das Bild bannen. Um diesem Ziel näher zu kommen, bediente sich Amiet der unterschiedlichsten Stile. So finden sich Werke im Stile des Divisionismus mit teils langen, teils breiten Pinselstrichen, dem Pointilismus, des Cloisionismus, der sich durch eine flächige Malweise auszeichnet und japonistische Tendenzen, deren geschwungene Linien an japanische Holzschnitte erinnern. Einen Grossteil an Inspiration verdankte Amiet seinem Aufenthalt in Pont-Aven in den Jahren 1892/93, wo er in einen Austausch mit Künstlern kam, die eng mit Paul Gauguin verbunden waren.

Dies sollte jedoch nicht die einzige Künstlergemeinschaft bleiben, mit der Amiet assoziiert werden würde. Abgesehen von den Impulsen, die er von den Neoimpressionisten erhielt, eröffneten sich ihm durch den Kontakt zu der Künstlergruppe Brücke neue Welten. Von 1906 bis 1913 war er Mitglied der für den Expressionismus wegbereitenden Gruppe, zu deren Gründern Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gehören.

Eine weitere prägende Verbindung sollte für Amiet jene mit Ferdinand Hodler sein. Zunächst eine Art Mentor oder Lehrerfigur, dann Freund, dann Rivale – die Beziehung zu Hodler war Komplex und bis zu dessen Tod präsent. Diesem 1893 entstandenen Bund entsprangen die dem Symbolismus zuzuordnenden Werke, deren erhabene Ganzkörperfiguren den Einfluss Hodlers deutlich erkennen lassen.

Mit seiner Kunst hat Cuno Amiet die Herzen der Schweizer erobert und darüber hinaus internationale Künstler, Kunstsammler und -kritiker inspiriert und begeistert. Seinem Oeuvre wurden – bereits zu Lebezeiten bis zur Gegenwart – eine Vielzahl an Ausstellungen gewidmet, die ihn als wegweisenden Künstler bis heute im Bewusstsein der europäischen Kunstszene haben weiterleben lassen.

Das Stillleben

«Seit Wochen male ich nichts als Stillleben. Und geniesse dabei die reinste Malfreude. […] Ein Apfel soll nicht so sein, dass man ihn anbeissen möchte. Er soll so sein, dass er mit allen übrigen Teilen des Bildes ein harmonisches Ganzes bildet: Das ist seine Aufgabe. […] Jede Form und jede Farbe soll beitragen ein harmonisches Ganzes zu bilden. »

(aus handschriftlichem Entwurf von Cuno Amiet zu einem Textbeitrag zum Thema Stillleben in der Kulturzeitschrift DU, Ausgabe April 1954)

Amiets Textauszug kann als eine Art Manifest gedeutet werden, in dem der Künstler formuliert, ein Maler solle anstatt eine Illusion der Wirklichkeit zu erzeugen, Form und Farbe in einer harmonischen Synthese im Bild zusammenführen. Gemäss seinem Wortlaut scheint Amiet im Stillleben eine Gattung gefunden zu haben, in der er ein «harmonisches Ganzes» in kunstvollen Arrangements zu komponieren vermag. So wird die Bildwirkung im 1908 entstandenen Stillleben mit Zitronen massgeblich durch einen freien Umgang mit Farbe und Form bestimmt. Entgegen jeglichem Realitätsanspruch verzichtet Amiet in diesem Gemälde auf die traditionelle Perspektive und setzt auf den farblichen Effekt von Komplementärkontrasten.

Im Allgemeinen bedürfen Amiets Stillleben für eine ausgewogene Gesamtkomposition keiner materiellen Extravaganz und sie bergen oftmals keine für die Bildgattung kennzeichnenden symbolischen Anspielungen – im Gegenteil, sie strahlen Bescheidenheit aus und insbesondere seine Blumenstillleben zeugen von Amiets Bewunderung für die schlichte Schönheit der Natur. Möglicherweise erzählen die herrlich gemalten Blumensträusse in farbenprächtigen Tönen auch vom Wissen um die Hinfälligkeit aller Existenz – so würden sie sich in die lange ikonographische Tradition der Stilllebenmalerei eingliedern lassen.

Das Bildnis

Die Auseinandersetzung mit dem malerischen Porträt stellt in Amiets gesamtem Oeuvre ein konstantes Experimentierfeld dar, das dem Künstler unzählige Möglichkeiten eröffnete, verschiedene Gestaltungsprinzipien und Malstile in seine Kompositionen einfliessen zu lassen. So finden sich nicht nur klassische Porträts, sondern auch allegorisch anmutende Darstellungen, die sich allesamt in ihrem Wahrheitsanspruch und somit in ihrem Ausarbeitungs- bzw. Abstraktionsgrad unterscheiden.

Die Porträtierten werden in manchen Gemälden gegenüber der gemalten Umgebung hervorgehoben; ihre detailgetreuen Gesichtszüge unterscheiden sich vom oftmals monochrom und unausgearbeitet gehaltenen Bildhintergrund. Im Gegensatz dazu stehen diejenigen Bildnisse, in denen die gesamte Bildfläche einen vergleichbaren Pinselduktus aufweist. Mit dem Aufgreifen derselben Farbigkeit betont Amiet in jenen Werken zudem den Eindruck, dass die Gesichtspartien der Porträtierten mit dem Hintergrund verschmelzen.

Die meisten Bildtitel verweisen darauf, dass es sich bei den Porträts um Personen handelt, die der Künstler gut kannte. Familie, Freunde und Bekannte finden sich in Amiets Gemälden gleichermassen verewigt – in ihrer Gesamtheit verkörpern sie eine Art visuelles Gästebuch der Menschen, mit welchen sich Amiet umgab und mit denen sich der Künstler in seiner Malerei persönlich auseinandersetzte.

Die Landschaft

Amiet verbrachte einen Grossteil seines Lebens umgeben von Natur in der Hügellandschaft um den Weiler Oschwand, wo er auch sein Atelier hatte. Die ländliche Abgeschiedenheit und die naturbelassenen Landstriche stellten eine wichtige Inspirationsquelle für den Künstler dar, der der Landschaftsmalerei in seinem Gesamtwerk einen zentralen Platz einräumte. Neben detaillierten Naturdarstellungen, in denen er Gartenpartien mit Figuren oder einzelne Bäume und blühende Blumen einfasst, lässt Amiet seinen Künstlerblick auch in die Weite auf ganze Landschaftsstriche schweifen.

In den Landschaften hält Amiet Ausschnitte seines Blickfeldes, die er mit eigener künstlerischer Handschrift interpretiert, malerisch für die Nachwelt fest. Mit Wäldern, Wiesen, Äckern und Gewässern bildet der Künstler die Physiognomie der ihm zumeist gut bekannten Naturlandschaften ab. Doch finden sich ebenso urbane Landschaften und Stadtveduten in seinen Werken wieder. Für den Künstler symbolisiert die Landschaft keinen zweitrangingen Hintergrund, vor dem sich eine Szene abspielt, sondern sie selbst bildet den Gegenstand seiner Malerei. Dabei betrachtet Amiet die Natur oftmals als Projektionsraum, in dem er keine wahrheitsgetreue Wiedergabe anstrebt, sondern sie vielmehr in seine persönliche Farbempfindung übersetzt und eine Ästhetik von intensiver farblicher Leuchtkraft erschafft. Vermehrt fängt Amiet atmosphärische Erscheinungen des Himmels, wie Sonnenuntergänge und Abenddämmerungen ein und entführt den Betrachter in mystische Licht- und Farbstimmungen.

Zum Künstler
Cuno Amiet
Solothurn, CH, 1868 — 1961

Cuno Amiet (*28.3.1868 Solothurn - 6.7.1961 Oschwand) gab als erster Schweizer Künstler der Farbe den Vorrang in der Komposition und gilt als Wegbereiter der modernen Malerei in der Schweiz. Als Fünfzehnjähriger malte Amiet das erste Selbstporträt, bevor er 1884 Schüler von Frank Buchser wurde. 1886-88 besuchte Amiet die Akadademie der Bildenden Künste in München und anschliessend die Académie Julian in Paris. 1892 ging Amiet für ein Jahr nach Pont-Aven, wo er Gauguin und van Gogh entdeckte und die Grundlagen für seinen Kolorismus legte. Bei seiner Rückkehr in die Schweiz stiess seine Verwendung von reinen Farben auf Ablehnung. Unter dem Einfluss Ferdinand Hodlers, zu dem er bis 1905 eine enge Beziehung pflegte, setzte er sich mit dem Jugendstil auseinander. Dann wurde die Expressionisten-Vereinigung «Die Brücke» auf Amiet aufmerksam und gewann ihn als Mitglied (1906-13). Er experimentierte erneut mit einem reinen Kolorismus und es entstand ein eigenständiges, reichhaltiges Werk, in dem vier Themen besonders hervortraten: Der Garten, die Obsternte, die Winterlandschaft und das Selbstporträt. Oschwand, wo er sich 1898 niederliess, wurde ab 1908 zu einem Zentrum künstlerischen Schaffens und einem Treffpunkt von Kunstinteressierten.