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Intro
Online Exhibition

Cuno Amiet

01.07. - 24.09.2021

Der junge Amiet begann seine künstlerische Ausbildung 1886 in München. Hier begegnete er ein Jahr später dem gleichaltrigen Giovanni Giacometti, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Beeindruckt von der Malerei, die sie an der «Internationalen Kunstausstellung» im Münchner Glaspalast gesehen hatten, beschlossen die beiden Künstler Deutschland zu verlassen und ihr Studium in Paris fortzusetzen. Ab Herbst 1888 studierten sie an der Académie Julian bei William-Adolphe Bouguereau und Tony Robert-Fleury. Sie teilten sich Unterkunft und Atelier und fanden schon bald Anschluss an den Schweizer Künstlerkreis um Max Leu und Hans Emmenegger. Die Sommermonate verbrachten beide in der Schweiz, zeitweise bei Giacometti in Stampa, aber auch in Solothurn, wo Giacometti sich den von Amiet belegten sogenannten Korrekturstunden bei Frank Buchser anschloss.

Den Winter 1891/92 verbrachte Amiet in der Schweiz, um in Zürich die Unteroffiziersschule zu absolvieren. Nach seiner Rückkehr nach Paris nahm er sein Studium an der Académie Julian wieder auf, fühlte sich dort aber zunehmend unwohl. Der starre akademische Unterricht befriedigte ihn nicht mehr und er fühlte, dass er «mit (seinen) Studien in eine Sackgasse geraten war». Auf Anregung des ungarischen Malers Hugo Poll beschloss er schliesslich, Paris zu verlassen und in die Bretagne, nach Pont-Aven zu reisen. «...Als ich im vierten Pariser Studienjahr, da es so gar nicht mit mir vorwärtsgehen wollte, verloren durch die Strassen lungerte, gab mir der Ungar Poll den Rat: Geh zu Mariejeanne nach Pont-Aven...».

Oschwand

Herbst auf der Oschwand, 1922 (Detail)

Herbst auf der Oschwand, 1922 (Detail)

Im Mai 1892 erreichte der 24-jährige Amiet das kleine Fischerdorf Pont-Aven. Wie viele andere Künstler wohnte auch er in der Pension der Marie-Jeanne Gloanec, einer bodenständigen, fröhlichen Bretonin um die fünfzig, die «ihre» Künstler wie eine Mutter betreute. Hier lernte Amiet neben vielen anderen Emile Bernard, Paul Sérusier, Armand Séguin und den schottischen Maler Roderic O'Connor, mit dem er sich sehr befreundete, kennen. Insbesondere mit O’Connor tauschte sich Amiet über neue Ziele in der Malerei aus. Diese erschöpften sich nicht mehr in der objektiven Wiedergabe des Gesehenen, vielmehr lautete die Forderung, das subjektive Erleben und Empfindungen mit einzubeziehen; dazu hatten die Künstler die Ausdruckskraft der elementaren Bildmittel entdeckt.  Das anregende Klima im Kreise der Künstlerfreunde und die Auseinandersetzung mit dem Werk van Goghs, Gauguins und Cézannes erwiesen sich für das Schaffen des jungen Amiet als sehr fruchtbar. Besonders die Bilder Gauguins - er weilte zu dieser Zeit bereits in Tahiti und sollte erst nach Amiets Abreise in die Schweiz für ein letztes Mal in die Bretagne zurückkehren - beeindruckten den Künstler tief. «Das grosse Erlebnis», notierte er Jahre später, «war Gauguin und einige Bilder von van Gogh». Amiet wandte sich von der akademischen Tonmalerei ab und begann mit reinen Farben zu malen, die er in betont konturierten Flächen oder in dicht nebeneinander gesetzten Strichen auf den Bildträger auftrug.

Prozession

Prozession in Pont-Aven, 1892 - 1893 (Detail)

Prozession in Pont-Aven, 1892 - 1893 (Detail)

Amiet blieb von Mai 1892 bis Juni 1893 im kleinen Fischerdorf, Monate, die für seine künstlerische Entwicklung von nachhaltiger Bedeutung sein sollten. «Dreizehn Monate konnte ich im schönen Pont-Aven verweilen», erinnert sich der Künstler im Rückblick, «und dann musste ich Frankreich verlassen, mein Frankreich, das ich herzlich liebte, das mich beherbergt hatte wie einen seiner Söhne, das mir freiwillig seine schöne Seele offenbarte durch die Kunst. Wenn auch mit leeren Taschen, so doch reich beschenkt mit Gütern höherer Art, kam ich jetzt in meine Heimat zurück».
Die «Prozession in Pont-Aven» gehört zu eben jenem schmalen Werk, das während Amiets Aufenthalt in der Bretagne entstanden ist. Die überaus reizvolle Darstellung einer traditionellen «Pardon», einer religiösen Prozession zu Ehren lokaler Heiliger, ist ohne seine Auseinandersetzung mit dem Werk seiner bretonischen Vorbilder, vorab Gauguin und van Gogh, undenkbar. Auf der Suche nach Licht und Farbe, entwickelte er seine eigene Charakteristik in der pointilistischen Maltechnik. Diese beruht auf dem gleichzeitigen Wechselwirken (Simultankontrast) von kleinen benachbarten Farbtupfern. Durch optische Verschmelzung und additive Farbmischung formen sich die Farbpunkte zu Gestalten. Diesem Prinzip folgend ist der Bildinhalt des Gemäldes auf seine elementarsten Formen reduziert, denn der gesamte Farbeindruck einer Fläche ergibt sich erst im Auge des Betrachters und aus einer gewissen Entfernung. Mit Begeisterung nahm Amiet die Anregungen seiner Künstlerfreunde auf und integrierte sie innerhalb weniger Wochen in seine eigene Ausdrucksweise. Ein sonnig leuchtendes Kolorit und der sichtbar bleibende, prägnant die Bildfläche strukturierende Pinselstrich gehören zu den hervorstechendsten Stilelementen seiner in Pont-Aven entstandenen Bilder, wie es auch das charmante «Stillleben mit Fayence und Äpfeln» zeigt.

Fayence

Stillleben mit Fayence und Äpfeln, 1893 (Detail)

Stillleben mit Fayence und Äpfeln, 1893 (Detail)

Zum Künstler
Cuno Amiet
Solothurn, CH, 1868 — 1961

Cuno Amiet (1868, Solothurn – 1961, Oschwand) gab als erster Schweizer Künstler der Farbe den Vorrang in der Komposition und gilt als Wegbereiter der modernen Malerei in der Schweiz. Als Fünfzehnjähriger malte Amiet das erste Selbstporträt, bevor er 1884 Schüler von Frank Buchser wurde. 1886 – 1888 besuchte Amiet die Akademie der Bildenden Künste in München und anschliessend die Académie Julian in Paris. 1892 ging er für ein Jahr nach Pont-Aven, wo er Paul Gauguin und Vincent van Gogh entdeckte und die Grundlagen für seinen Kolorismus legte.
Bei seiner Rückkehr in die Schweiz stiess seine Verwendung von reinen Farben auf Ablehnung. Unter dem Einfluss Ferdinand Hodlers, zu dem er bis 1905 eine enge Freundschaft pflegte, setzte er sich mit dem Jugendstil auseinander. Dann wurde die Künstlergruppe Die Brücke auf Amiet aufmerksam und gewann ihn als Mitglied (1906 – 1913). Er experimentierte erneut mit einem reinen Kolorismus und es entstand ein eigenständiges, reichhaltiges Werk, in dem vier Themen besonders hervortraten: Der Garten, die Obsternte, die Winterlandschaft und das Selbstporträt. Der Ort Oschwand, wo er sich 1898 niederliess, wurde ab 1908 zu einem Zentrum künstlerischen Schaffens und einem Treffpunkt für Kunstinteressierten.